Dietmar Hribernig, Architekturbüro Winkler + Ruck

Oktober 2020

Gehst Du gerne ins Museum?

Ja. Meine Lieblingsmuseen sind zurzeit die Berlinische Galerie und die The Feuerle Collection von John Pawson, auch in Berlin. Aber ich geh‘ eigentlich, sobald ich in eine Stadt komme, die ich noch nicht kenne, als erstes ins Museum. Ich lerne gerne die Stadt übers Museum kennen.

Aber eher Zeitgenössisches denn Historisches?

Ist völlig egal. Ein bisschen nach den ArchitektInnen, also wer hat was gebaut. Aber sobald man drinnen ist, ist das wieder zweitrangig und man schaut sich die Kunst an. Die Architektur ist für einen Architekten nur städtebaulich interessant.

 

 

Gibt es in Europa Architekten, die sich auf Museumsbau spezialisiert haben?

Gibt es. Aber mir gibt eine solche Spezialisierung nichts. Ich bin der Meinung, als Architekt kannst Du heute ein Krankenhaus und morgen ein Museum bauen.

Du warst ja bereits Projektleiter für den Wettbewerb. Wie geht man an so einen Wettbewerb heran?

Das Wien Museum war ein zweistufiger, EU-offener Wettbewerb. Also, wir machen keinen Wettbewerb mit, den wir nicht gewinnen wollen. Ihn zu gewinnen ist die Aufgabenstellung. Dann kommt das Thema: Ein Stadtmuseum am Karlsplatz mit einer städtebaulichen Herausforderung zu entwerfen. Dann haben wir probiert, die Konstruktion, die Haptik der Materialen, die räumliche Atmosphäre, die städtebauliche Haltung so zu konzipieren, dass wir uns gegen die Konkurrenz durchsetzten.

Und warum, meinst Du, hat sich Euer Entwurf durchgesetzt?

Weil wir die Steinmasse in Form von Beton, in das Museum, in den Innenhof gießen werden. Der benötigte Museumszubau wächst so autark vom Untergeschoss über das Dach des Bestandes heraus. Zum Schluss hast Du nur einen Teil, nur einen Stein zu dem Altbau – zu den vielen Teilen des von Oswald Haerdtl erdachten Museums – dazugegeben. Eine Steinmasse, die alle Aufgaben erfüllt.

 

 

Wie lange arbeitet man an einem Wettbewerb?

Das Büro war für den Wien Museum-Wettbewerb circa ein Jahr lang beschäftigt. Das kostet drei Leute für ein Jahr Minimum plus Modellbau plus Rendering plus Material plus Infrastruktur etc. Ein hoher Einsatz. Erst wenn die zweite Stufe des Wettbewerbs erreicht wird, gibt es eine Aufwandsentschädigung.

Und wie war das, gegen 273 andere Architektenbüros zu gewinnen?

Das ist schon Adrenalin. Du steigst von der Bundesliga in die Champions League auf.

Was hat sich vom Entwurf 2015 bis zum Baubeginn 2020 verändert?

Es gibt und steht, wie schon gesagt, das Konzept der Konstruktion, die Haptik der Materialien, die räumliche Atmosphäre und die städtebauliche Haltung. Diese definiert, wo das Gebäude Höhe, wo es Qualität gewinnen muss. Und dann kommen die ganzen Attribute dazu: Konstruktive Tragwerksentscheidung, Haustechnik, sicherheitstechnische Anforderungen, Nutzeranforderungen, also die der KuratorInnen für die neue Dauerausstellung. Unser oberstes Leitbild ist: Es darf alles dazukommen. Aber es muss immer besser werden.

Dann gibt es das noch unentschiedene Thema der Brücken zum Nebengebäude. Auch wenn wir auf den Entscheidungsprozess keinen Einfluss haben und der Umbau selber davon unabhängig von Statten geht: Wie siehst Du das als Architekt?

Das Museum ist als Solitär erdacht worden, es bietet als Solitär am Anfang oder Ende des Karlsplatzes eine ganz andere Haltung. Auch zur Karlskirche hin. Architektonisch gibt es nichts zu diskutieren: Es braucht einen Solitär.

Der Entwurf des neuen Wien Museum wurde in der Öffentlichkeit stark diskutiert. Nehmt Ihr die mediale Berichterstattung wahr?

Ich möchte so antworten: David Chipperfield, der das neue Museum in Berlin gebaut hat, hat jetzt ein Buch mit rund 200 Zeitungsartikeln herausgebracht, alle sehr, sehr negativ. Seit der Eröffnung gibt es nur noch positive. Also während des Prozesses, und das ist ein Weg über viele Jahre, muss man schon fokussiert bleiben und sich nicht beeinflussen lassen.

Was macht der Projektleiter des Generalplaners Certov / Winkler + Ruck  Architekten konkret?

Ich leite das gesamte Team und koordiniere mit allen ProjektleiterInnen vom Generalplanerteam die Gewerke. Tragwerksplanung, Ausschreibung, Haustechnik, Elektrotechnik, Bauphysik – um nur die Hauptgewerke in einem Generalplanungsprozess zu nennen. Ich bin die direkte Schnittstelle zu den ArchitektenInnen Ferdinand Certov, Roland Winkler und Klaudia Ruck. Ich möchte dazu noch sagen: Wir haben als Generalplaner sehr die Architektur im Fokus.

Und wie groß ist das Architekturteam?

Von den beiden Architekturbüros in Graz und Klagenfurt die Antonia, Tina, Nina, Martina, Christoph, R2, Harald, Hannes und Paul. Wäre schön, wenn Du sie alle nennen könntest. Denn am Ende ist es das hochmotivierte Team von verschiedensten Unternehmen, das den Bau Wien Museum Neu möglich macht.

Wie sieht denn Dein Alltag zwischen Klagenfurt und Wien aus?

Wir reisen nach Bedarfsfall an, aber mindestens ein Mal die Woche. Digital sind wir ständig mit allen verbunden.

Dabei habt ihr ganz unterschiedliche Herausforderungen: Den Neubau, die Sanierung des Altbaus und eigentlich auch den Innenausbau?

Ja, aber auch hier denken wir wie im Konzept „Ein Stein, eine Masse, ein Teil“: Wir versuchen diese drei Themen als eines zu denken. Die architektonische Qualität ist ganz sicher die, dass sie einen Rahmen bildet, der alle trägt. Aber dieser muss schlüssig sein. Vom Stuhl, auf dem man sitzt am Vorplatz, über den architektonischen Spaziergang in die Fuge bis zum Mittagsessen im Restaurant.

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Generalbauunternehmer PORR Bau GmbH, Ortner Ges.m.b.H. und ELIN GmbH?

Hier kommt der örtlichen Bauaufsicht, Christoph Knizek, die Schlüsselrolle zu. Er muss es schaffen, unsere Planung dem Generalunternehmer zu vermitteln. Wir begleiten diese Umsetzung. Der Bau entsteht aus dem Entwurf.

Was sind Eure großen Themen im Herbst?

Nie die Qualität des Entwurfs zu vergessen! Für uns geht es gerade um den Neubau, der auf dem Spezialtiefbau aufsitzend im Inneren herauswächst. Wie viel wird in Beton eingelegt, welche Farbe, welche Struktur bekommt er. Wir sind die Schnittstelle zwischen der Firma, die die Schalung baut, und dem Generalunternehmer, der den Beton hineingießt. Wie schaut die Arbeitsfuge aus, wie breit sind die Schalungsbretter? Wie entsteht die Rauigkeit? Jetzt beginnt der Prozess, die Steinmasse zu modellieren.

Die Bohrpfähle, die gerade für das neue Fundament gesetzt werden, sind für Euch kein Thema mehr?

Ja genau, diese Bauphase ist für uns abgeschlossen. Wir beschäftigen uns mit der Nächsten.

Christoph Knizek hat gemeint, er hat noch nicht erlebt, dass so viel Sichtbeton verarbeitet wird.

Für Wien ist das wirklich ungewöhnlich. Ich kenne Gebäude in Südamerika oder Spanien, bei denen ähnlich gearbeitet wurde, aber keines hier.

Was magst Du persönlich an Eurem Entwurf besonders?

Die Kultur, die am Ende in diesem Haus stattfinden wird. Das ist für mich das Wichtigste.

Gibt es im Bauablauf einen Moment, abgesehen von der Eröffnung, wo Du sagst, da schlägt das Herz des Architekten höher? Was sind Eure Meilensteine?

Es gibt oder gab den Moment des Wettbewerbsgewinns, den des Baubeginns. Jetzt gibt es den Moment: Oberkante des Gebäudes. Dann siehst Du das erste Mal die Betonfassade des vierten Obergeschosses, wie die mit dem Oswald Haerdtl-Baus kommuniziert. Also wenn die neue Fassade auf die alte Fassade trifft, das ist der dritte Meilenstein. Und der Vierte ist dann der Inhalt, den die KuratorInnen liefern.

Was ist Dir persönlich bei diesem Bau besonders wichtig?

Mir ist wichtig, dass die öffentlichen Gebäude auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Und ich glaube, durch den Pavillon, durch die Öffnung des Gebäudes zum Vorplatz hin und dem jederzeit zugänglichen Zwischengeschoss schaffen wir es, sehr viel Raumpotential der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Am liebsten wäre es mir, 24 Stunden lang. Ein Gebäude, das zur Stadt und ihrer Gesellschaft dazu gehört.

Was sind Deine Projekte neben dem Wien Museum?

Wir bauen gerade in Kärnten das Landesmuseum Rudolfinum um und sind auch hier im Umsetzungsprozess.

 


Dietmar Hribernig, geboren 1981 in Klagenfurt, studierte Architektur an der FH Kärnten u.a. bei  Prof. Peter Nigst und Roland Winkler. 2014 legte er die Ziviltechnikerprüfung ab. Schon während des Studiums arbeitete er im Architekturbüro von Roland Winkler und Klaudia Ruck und wurde von ihnen direkt nach dem Diplom übernommen. Seither hat er bei verschiedenen Bauprojekten mitgearbeitet bzw. als Projektleiter fungiert, an zwölf Wettbewerben teil- und mehrfache Auszeichnungen entgegengenommen. Zuletzt, vor dem Wien Museum, verantworte er die Projektleitung für die „Drei Häuser im Wald“, das mit dem Best Architects 19, dem Holzbaupreis und dem Bauherrenpreis ZV Österreich, der höchsten Auszeichnung der Branche in Österreich, geehrt wurde. Den Umbau des Wien Museum verantwortet er als Projektleiter Architektur der Generalplaner Certov / Winkler + Ruck Architekten.