Elke Doppler, Kuratorin, Malerei und Grafik bis 1900

Juli 2020


Was ist Deine Aufgabe für Wien Museum Neu?

Gemeinsam mit Michi Kronberger und Matti Bunzl die kuratorische Projektleitung für die neue Dauerausstellung, die Wiens Geschichte von der Frühzeit bis zur Gegenwart erzählen wird. Bei uns geht es um die Koordination und die Kuratierung der Inhalte, eine Art von Overhead über die gesamte Linie.  Wir arbeiten natürlich mit einem großen Team zusammen, z.B. mit den kapitelverantwortlichen KuratorInnen und der Gruppe Stadtfenster und Generationenformate. Sehr, sehr eng ist natürlich auch die Zusammenarbeit mit Bärbl Schrems, der organisatorischen Projektleiterin.



Wie koordiniert man so viele unterschiedliche Kapitel und KollegInnen?

Man kann es vielleicht so ausdrücken: Wir schauen, dass es eine gemeinsame Sprache gibt, aber jedes Kapitel hat dann seinen Dialekt, je nachdem, wer es kuratiert (Anm.: Die unterschiedlichen Zeitepochen werden Kapitel genannt). Michi und ich haben zu Beginn der Arbeit an der neuen Dauerausstellung mit einer kleinen Konzeptgruppe ein Handbuch entwickelt. Hier haben wir festgelegt, was ist uns wichtig, welche Themen und Schwerpunkte wollen wir setzen, wie ist unser Ansatz. Das haben wir dann mit allen Kapitelverantwortlichen durchbesprochen, auf diesen Ideen aufbauend wurden die Konzepte entwickelt.


Und ihr schaut Euch diese Konzepte dann wieder auf das Gesamte hin an?

Ja, es gibt viele Feedback-Schleifen. Mit uns, mit der Vermittlung, mit dem Gremium Erzählung, wo auch nochmal auf die Storyline geschaut wird. Und natürlich immer wieder mit der Direktion.
 

Seit wann arbeitet Ihr an der neuen Dauerausstellung?

Ich bin 2017 eingestiegen. Aber die KollegInnen sind schon länger dran. Vielleicht ein Jahr nach Wettbewerbsende hat die Arbeit angefangen.
 

Du bist aber auch für eigene Kapitel verantwortlich?

Ja genau, ich bin auch eine der KuratorInnen für die Kapitel 6 bis 7. Sie umfassen den Barock, die Aufklärung, die Franzosenkriege bis zur bürgerlichen Revolution. Sie sind dann im ersten Stock angesiedelt, unmittelbar nachdem man aus der Halle wieder in das Dauerausstellungsgeschoss tritt. Von Kapitel 6 aus sieht man noch auf den Donnerbrunnen, der in der Halle steht.
 

Wie kommt das Konzept in den Raum?

Die KuratorInnen entwickeln für ihre Kapitel ein inhaltliches Konzept mit der entsprechenden Auswahl an Objekten, dann wird dieses Konzept mit den GestalterInnen in ein Raumkonzept, in ein Gestaltungskonzept übertragen. Natürlich sind wir KuratorInnen es gewohnt, in Leitobjekten zu denken. Wir überlegen den Raum schon mit, wie wirkt das Objekt da oder dort, was muss dort noch sein, damit der Inhalt, der Kontext klar wird.  Aber wie das dann genau im Raum umgesetzt wird entsteht in ganz enger Zusammenarbeit mit den Gestaltern.
 

In welcher Planungsphase steht ihr gerade?

Wir haben jetzt die Vorentwurfsplanung abgeschlossen und stehen nun mitten im Entwurf. Also Feinkonzept auf der kuratorischen Ebene und Entwurf auf der gestalterischen. Feinkonzept heißt, dass für alle Kapitel die Thesen, die Inhalte, die Objekte fast zu 100 Prozent feststehen. Die Gestaltungskonzepte sind in den einzelnen Kapiteln noch unterschiedlich weit, aber reichen zum Teil schon bis zur fertigen Vitrinen- oder Wandansicht. Dafür, dass wir ja erst in drei Jahren eröffnen, sind wir schon erstaunlich weit gekommen. Es braucht für so eine große Dauerausstellung einfach einen Riesenvorlauf.
 

Wie plant man eine Dauerausstellung? Auf was muss man besonders achten?

Abgesehen von den inhaltlichen Überlegungen: Es gibt zahlreiche Schnittstellen, auch mit dem Bau. Also wie das Gebäude innen ausgebaut wird, um mit der Dauerausstellung zusammenzupassen. Es müssen z.B. die Elektroauslässe für die geplanten AV-Stationen an der richtigen Stelle sein, es muss sichergestellt sein, dass die speziellen Klimabedürfnisse des neuen Baus mit der Gestaltung der Dauerausstellung übereinstimmen, und vieles mehr.
 

Und was macht die Dauerausstellung zur Dauerausstellung?

Im Endeffekt ist es total wichtig, dass man immer an die BesucherInnen denkt. Das muss ein Ort werden, wo man sich wirklich wohlfühlt. Ein Ort, der natürlich wissenschaftlich am Letztstand ist, der dauerhaft ist, nicht zu trendy. Die Dauerausstellung muss sehr stark die Haltung des Hauses verkörpern.
 

Was ist die Haltung des Hauses?

Ich denke, das ständige In-Frage-Stellen: Wie wollen wir mit den Menschen kommunizieren, was wollen wir vermitteln? Es geht nicht nur um Wissensvermittlung, es geht darum, zum Fragen anzuregen und dass die Menschen in eine Diskussion kommen. Was wir versuchen, ist einen Ort zu schaffen, wo man sich mit wichtigen Fragestellungen zur Stadt auseinandersetzt.
 

Wie planst Du Deine Kapitel?

Nun, in meinem Bereich gibt es Objekte, die immer schon ausgestellt waren und die man wert befunden hat, wieder zu zeigen. Jetzt überlege ich mir, wie kann man sie neu präsentieren. Ein Ansatz von uns ist, die Highlight-Objekte neu zu kontextualisieren, neu zu befragen. Ich versuche, die wichtigsten Thesen, die wir für die Zeitepochen aufgestellt haben, mit den wichtigsten Objekten zu verschneiden. Was kann man mit ihnen zeigen? Und dann gibt es auch Inhalte, die man nicht zeigen kann. Dafür setzt man dann vielleicht AV-Medien ein oder Hands-on Objekte oder Infografiken. Oder es ergibt sich etwas durch die Gestalter. Im Kapitel 7 haben sie eine Art Kaskaden-Architektur entwickelt. Und irgendwann war mir dann klar, man muss mit der Kaskade arbeiten, muss das räumliche Gegenüber links und rechts auch mit inhaltlichen Gegensätzen schlüssig machen. Damit es für die BesucherInnen Sinn ergibt, wieso sich hier etwas gegenübersteht, wieso sich etwas verdichtet.
 

Kannst Du für Kenner der alten Dauerausstellung ein Beispiel nennen, was hier der Unterschied zur Neuen sein wird?

Wir zeigen im Kapitel 6, Barock und Aufklärung, viele tolle Porträts. In der alten Dauerausstellung sind sie als Kunstwerke gezeigt worden und vor allem als Repräsentanten der darauf abgebildeten Person oder des Künstlers, der sie gemalt hat. In der neuen Dauerausstellung versuchen wir nun eine Porträtreihe zu zeigen, die etwas über die Gesellschaft der Zeit erzählt. Also warum gab es in Wien so viele Adelige, warum so viele Dienstboten? Was waren deren Rechte, was deren Pflichten?  Wir werden hier auch mit Statistiken und Infografiken arbeiten um z.B. zu thematisieren, wie viele Menschen dafür nötig waren, damit Maria Theresia in der Robe, die das Bild zeigt, stecken konnte.
 

Wie ist das, ein neues Museum zu bauen?

Schon was Besonderes. Also ich hab‘ noch nie eine Dauerausstellung gemacht – und ich werde auch sicher nie wieder eine machen (lacht). Es ist hochkomplex, es ist, als müsste man zehn Bälle jonglieren und dann vergisst man wieder auf einen… Das klingt jetzt sehr chaotisch, das ist es aber nicht. Es ist einfach sehr komplex.
 

Und anstrengend?

Ja, schon. Man hat gefühlt 1000 Besprechungen. Die sind nicht immer gleich spannend. Aber dann gibt es so Tage, da hat man einen Workshop im Jüdischen Museum über Vermittlungsprogramme zum Holocaust, dann eine Besprechung mit einem Spieleentwickler wegen einer AV-Station zum Thema Börsenkrach, und dann geht man noch in eine Werkstatt von einem Restaurator für antike Parkettböden. Das ist schon sehr cool, sehr abwechslungsreich! 
 

Bist Du auf etwas besonders gespannt?

Auf die Halle, sie ist Teil der Dauerausstellung und gleichzeitig Herzstück des neuen Museumsbaus. Hier zeigen wir zentrale Großobjekte des Museums wie den Donnerbrunnen oder den Walfisch. Hier reden alle mit, alle Museumsabteilungen, die Gestalter der Dauerausstellung und die Architekten Certov, Winkler und Ruck. Die Halle muss für so vieles funktionieren. Sie muss vor allem für die BesucherInnen funktionieren.
 

Wie geht es im Sommer weiter?

Im Juli möchten wir mit allen Kapitelverantwortlichen, den VermittlerInnen und unserer Inklusionsbeauftragten Jennie Carvill Schellenbacher noch eine Runde schaffen, wo wir die Ideen für Hands-on Objekte besprechen. Also die Objekte, die wirklich angegriffen werden sollen. Sonst ist das ja im Museum verboten. Die Idee ist, dass wir spezielle neue Objekte produzieren, anhand derer die BesucherInnen Inhalte berührend bzw. mit mehreren Sinnen „begreifend“ erfahren können. Zum Beispiel ein Tastmodell von einem Stadtteil, wo man dann sieht, welche Wohlfahrtsinstitutionen es im 18. Jahrhundert gegeben hat.
 

Schaffst Du neben der Dauerausstellung Neu andere kuratorische Projekte?

Nein, sicher nicht. Außer die eine oder andere Tagesroutine wie Anfragen beantworten oder Objekte ankaufen und inventarisieren bin ich voll und ganz mit der neuen Dauerausstellung ausgelastet.

 


Elke Doppler, geboren 1970 in Wels. Studium der Kunstgeschichte und Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien und Berlin, 1998 Sponsion; 1991 – 1993 Fakultätslehrgang „Museums- und Ausstellungsdidaktik“ der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Seit 1993 wissenschaftliche Mitarbeiterin und seit 2001 Kuratorin im Wien Museum für den Sammlungsbereich Malerei und künstlerische Grafik bis 1900. Ihre Forschungsinteressen liegen auf dem 18. und 19. Jahrhundert mit den Schwerpunkten Porträtmalerei, Vedutenmalerei und Stadtbilder sowie auf der Geschichte der Kunstsammlung des Wien Museums. Zahlreiche Publikationen und Ausstellungen, wie die große Karlsplatz-Ausstellung 2008 Am Puls der Stadt (gemeinsam mit Christian Rapp) oder zuletzt Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick, 2017 (gemeinsam mit Sándor Békési). Gemeinsam mit Michaela Kronberger und Matti Bunzl verantwortet sie die kuratorische Projektleitung Dauerausstellung Neu.