Laura Tomicek, Registrarin

November 2020

Was macht eine Registrarin im Museum?

Der Begriff kommt, glaub ich, aus dem Englischen. Es geht darum, alle Objektbewegungen, die in einem Museum stattfinden, zu registrieren, zu organisieren, zu verwalten, zu überwachen. Eigentlich sind wir die Anwälte der Objekte. Und ihr Reisebüro. Wir machen Leihverträge und Versicherungen, wir begleiten sie auf Reisen, wir sorgen dafür, dass sie gut behandelt werden. Wir wissen immer, wo sie sind.

Das ist bei den über eine Million Objekten des Wien Museums eine beeindruckende Aufgabe.

Wir müssen nicht alle Objekte im Auge behalten. Erst wenn sie bewegt werden, meist im Rahmen von Ausstellungen, „gehören“ sie uns.

Braucht man für Deinen Beruf ein spezielles Studium?

Eigentlich nicht. Wir haben hier vier RegistrarInnen, alle mit einer unterschiedlichen Ausbildung. Was man braucht, ist eine genaue Arbeitsweise, es ist eher Typsache. Ich habe es immer schon geliebt, Sachen zu organisieren.

 

 

Wie teilt ihr Euch die Arbeit auf?

Als ich im Wien Museum angefangen habe, waren wir zur zweit. Meine Kollegin Andrea machte die outgoing loans für Ausstellungen in anderen Museen, und ich habe die incoming loans übernommen. Später ist dann eine Kollegin aus der Karenz zurückgekommen und hat mich bei den Ausstellungen und dem Tagesgeschäft unterstützt. 2018 ist die MUSA Sammlung neu dazugekommen, sie wird von meinem Kollegen Klaus betreut. Und die neue Dauerausstellung für Wien Museum Neu ist natürlich ein großer Bereich. Den betreuen Nadine und ich im Teamwork.

Haben alle Museen RegistrarInnen?

Alle großen Häuser, ja. Manchmal wird der Job aber auch von anderen Abteilungen, wie z.B. der Ausstellungsproduktion übernommen. Vor allem, wenn es keine eigene Sammlung gibt.

Was ist denn der natürliche Feind eines Sammlungsobjekts?

Die falschen Umwelteinflüsse. Da kann man aber nicht pauschal sagen, was das genau ist. Für das eine Objekt ist es hohe Luftfeuchtigkeit, für das andere eine hohe Lichtstärke. Ein sorgloser Umgang ist für alle Objekte ein Problem. Unser Ziel ist es, dass sie gut erhalten bleiben und auch noch in 500 Jahren da sind.

Was ist Deine Aufgabe für Wien Museum Neu?

Ich bin zum einen in der Taskforce zum Sonderausstellungsgeschoss, zum anderen arbeite ich an der neuen Dauerausstellung mit. Die Sonderausstellungen werden im Wien Museum Neu im obersten Geschoss zu sehen sein, das wird komplett neu gebaut. Hier sind wir viel mit den Architekten zusammengesessen und haben definiert: Was brauchen wir hier? Was sind unsere Grundanforderungen, damit wir dort möglichst flexible Ausstellungen machen können?

Und was sind unsere Grundanforderungen?

Wer schon mal in einer Sonderausstellung des Wien Museums war, weiß, dass wir keine klassischen Kunstausstellungen machen. Wir zeigen viele kulturhistorischen Ausstellungen, immer ganz unterschiedlich aufgebaut, es können Gemälde, Papier, Steine, Textilien, 3-D Objekte gleichzeitig im selben Raum zu sehen sein. Also versuchen wir, für alle Möglichkeiten Parameter aufzustellen.

Zum Beispiel?

Wir definieren, wie die Wände beschaffen sein sollten, wie viel Gewicht sie tragen müssen. Wo sollen die Lampen hängen, wie soll der Boden aussehen, auf dem vielleicht mal Teppich oder Tanzboden oder auch nichts verlegt wird. Wie werden die BesucherInnen geleitet, wenn das Geschoss in mehrere Ausstellungen aufgeteilt wird. Unsere Herangehensweise ist die des White Cube: Der Raum soll so wenig Eigenschaften wie möglich besitzen. Die Architekten möchten dem Raum dagegen einen Charakter, eine Eigenschaft geben. Also man sieht die komplett unterschiedlichen Ansätze.

 

 

Wo und wie kommt man eigentlich ins neue Obergeschoss hinein?

Der Zugang ist im Geschoss mittig. Über Treppen vom Fugengeschoss aus oder mit einem Lift von ganz unten oder einem der anderen Geschosse. Von da aus wird es dann so etwas wie einen Gangbereich geben, der eine Verteilerfunktion übernimmt. Je nachdem, wie viele Ausstellungsräume es oben gerade gibt. Es kann eine große Ausstellung über das ganze Geschoss hinweg geben, oder drei mittelgroße. Oder zwei.

Und wie kommen die Objekte nach oben?

Unser Hauptweg ist der Lastenlift, von der Maderstraße aus. Wie auch im alten Museum. Das ist auch eine Herausforderung: Wie kommen Objekte zum Beispiel durch eine bestehende Ausstellung oder einen laufenden Ausstellungsaufbau hindurch? Das muss gut geplant werden.

Und dann arbeitest Du auch für die neue Dauerausstellung?

Ja, hier aber nicht nur als Registrarin. Ich bin eine sogenannte Schnittstelle für Objekte. Bei allen Überlegungen zur Objektpräsentation der KuratorInnen versuche ich mitzudenken, was braucht das Objekt. Und ich kläre Entscheidungen mit den jeweiligen FachrestauratorInnen ab. Oft prallen hier ganz verschiedene Bedürfnisse aufeinander.

Hast Du dazu wieder ein Beispiel?

Zum Beispiel eine mannshohe Rüstung und eine A4-große Grafik. Die Rüstung braucht vielleicht eine spezielle Vitrine und Staubschutz. Die Grafik dagegen eine spezielle, nämlich sehr lichtarme Beleuchtung. Und das Papier-Objekt soll trotzdem nicht hinter dem Großobjekt verschwinden.

Wie viele Objekte sind jetzt für die neue Dauerausstellung ausgesucht?

Derzeit über 1500. Und es geht ja nicht nur um das Objekt dann in der Ausstellung. Das „Endprodukt“. Während die einzelnen Kapitel der Dauerausstellung entstehen, passieren im Hintergrund hunderte – für die BesucherInnen der fertigen Dauerausstellung unsichtbare – Arbeiten. Objekte werden begutachtet, diskutiert, restauriert, fotografiert, neu gerahmt, etc. Dabei fallen auch viele Transporte an.

Wie gerade der spektakuläre Abtransport des Stephansdommodells über das Kirchenschiff des Doms oder demnächst der Donnerbrunnen aus dem Belvedere?

Ja, darum kümmert sich meine Kollegin Nadine. Das sind enorme Logistik- und Organisationsaufgaben. Unser Job bedeutet viel Kommunikation und Mitdenken.

Und ein gutes Durchsetzungsvermögen!

Ja, man muss sich immer die Fragen stellen: Wo muss ich streng sein, wo darf ich ein bisschen flexibler sein. Gerade planen wir, wie wir den Walfisch in die Halle bekommen.

Der große Wal ist sicher eine Herausforderung.

Ursprünglich stand er auf einem Gasthaus im Prater. Dann wurde er abgebaut und auf einem Firmengelände gelagert. Durch einen glücklichen Umstand kam er 2016 ins Wien Museum. Er wurde eingelagert und restauriert. Wir überlegen jetzt, was braucht er, um transportiert und dann aufgehängt zu werden. So ein 9,9 m langer und 1373 kg schwerer Wal, der auch nicht zerlegt werden kann, bringt eine ganz andere Aufgabenstellung als ein Waldmüller-Gemälde. Er braucht einen sehr großen, offenen Transporter, der aber nur fahren kann, wenn das Wetter passend ist, also nicht bei einem Sturm oder Gewitter. Dann prüfen wir die Einbringungswege ins neue Haus, derzeit anhand der Pläne. Wie kommt er durch Engstellen hindurch? Also Türen oder bauliche Gegebenheiten. Lässt er sich an einer bestimmten Stelle drehen? Wie wird er aufgehängt? Und wie für spätere Revisionsreinigungen oder eventuell notwendige Restaurierungsarbeiten wieder herabgelassen? Es gibt also keinen Punkt, an dem ich sagen kann: Ich bin mit der Arbeit fertig.

Was ist Dein Lieblingsobjekt?

Von Ferdinand Waldmüller „Die Rosenzeit“. Ich bin ein bisschen romantisch-kitschig veranlagt. Ich bin mit dem Gemälde auch schon nach Japan gereist, im Rahmen der Ausstellung „Vienna on the Path to Modernism“. Da hatte ich allerdings auch die organisatorische Projektleitung. Es gibt übrigens im Magazin einen Beitrag über die Reise der „Dame in Gelb“, wo meine Kollegin Andrea und ich versucht haben, zu erzählen, wie viele Schritte nötig waren, bis ein Objekt in der Ausstellung steht: magazin.wienmuseum.at/transport-von-museumsobjekten.

Wird „Die Rosenzeit“ in der neuen Dauerausstellung zu sehen sein?

Ja, im Kapitel 7. Darüber bin ich sehr glücklich.

Bei der aktuellen Ausstellung im MUSA über Felix Salten bist Du auch involviert?

Ja, wir haben hier einige Leihgaben und viele Objekte, auch sehr wertvolle. Obwohl – eine Herangehensweise von mir ist: Jedes Objekt wird gleich betreut und gleich sorgsam behandelt.

Und Dein nächstes Ausstellungsprojekt?

Ist „Augenblick!“. Die Straßenfotografie-Ausstellung ab März. Auf die freue ich mich sehr. Fotografie ist ja mein absolutes Steckenpferd!

 


Laura Tomicek wurde 1982 in Wien geboren. Nach dem Kolleg für Fotografie und audiovisuelle Medien an der Graphischen studierte sie Kunstgeschichte. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über den Wiener Fotografen Victor Angerer. Anschließend arbeitete sie in der Ausstellungsproduktion an der Kunstmeile Krems. Seit 2011 ist sie Registrarin im Wien Museum. Für das Wien Museum Neu arbeitet sie in der Taskforce „Sondergeschoßausstellung“ und ist die Schnittstelle „Objektbetreuung“ für die Dauerausstellung Neu.