Michaela Lindinger Kuratorin, Porträts, Totenmasken und Erinnerungsgegenstände, Hermesvilla

September 2020

Du bist die Wien Museum Kuratorin für Porträts, Totenmasken und Erinnerungsgegenstände. Was ist mit Letzteren gemeint?

Das sind Dinge, die bekannten Wienern und Wienerinnen gehört haben. Die auch etwas über ihren beruflichen Kontext und ihre Zeit aussagen. Zum Beispiel die Aktenmappe von Metternich, die jetzt wieder für die neue Dauerausstellung im Gespräch war. Sie steht für diese dunkle Zeit, für die Geheimpolizei. Von diesen Dingen haben wir hunderte. Wir akquirieren sie zum Teil, wie die Harmonika von Wolfgang Ambros oder die Gitarre von Hansi Lang. Unsere Sammlung beginnt im 18. Jahrhundert mit einem Spitzenstück von Maria Theresia und wird immer weiter fortgeführt. Der Lotte Tobisch-Nachlass gehört auch dazu. Den betreut meine Kollegin Alexandra Hönigmann, die für die SchauspielerInnenporträts zuständig ist.

Was ist denn Deine Aufgabe für das neue Wien Museum?

Mit Regina Karner erarbeite ich die Kapitel 8 und 9, die Ringstraßenzeit und Wien um 1900. Dazu haben wir von den Projektleiterinnen Michaela Kronberger und Elke Doppler Vorgaben, Fragestellungen, die sich auch in unseren Kapiteln wiederfinden  sollen. Dann gibt es Highlight-Objekte, die unbedingt vorkommen müssen, die wir mit Objekten, von denen wir wissen, dass die den BesucherInnen sehr gefallen oder weil sie uns unter Berücksichtigung der neuesten Literatur sinnvoll erscheinen, ergänzen. Uns ist besonders wichtig, dass ein Objekt für eine größere Fragestellung stehen kann.

 

 

Was sind denn Eure Fragestellungen?

Unsere wichtigste Fragestellung ist: Wie haben die Menschen damals in Wien gelebt? Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt. Hier möchte ich kurz auf die alte Dauerausstellung zurückgreifen, die ich sehr gut gefunden habe. Das Problem war aber: Nur wenn Du mit einer Führung mitgegangen bist, hast Du Dich gut ausgekannt, hast sehr viel mitgenommen. Ohne Erklärungen hast Du das Feeling der Menschen im 18. oder 19. Jahrhundert nicht mitbekommen. Das möchten wir für die neue Dauerausstellung besser hinbekommen. Was wurde damals diskutiert, was war damals neu? In der Kunst sieht man eigentlich nur, was eine bestimmte Elite in der Stadt beschäftigt hat. Aber wir fragen uns auch, was hat das Dienstmädl auf der Straße erlebt? Das ganze gehypte Wien um 1900 haben die einfachen Leute ja gar nicht mitgekriegt. Die gingen ja nicht in die Secession. Das waren ja nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. Wir möchten aber nicht, dass die BesucherInnen schon wahnsinnig viel Vorwissen mitbringen müssen. Wir holen die Leute im Jetzt ab und versuchen, sie zurückzuführen.

Kannst Du Beispiele nennen?

Gerade in unseren Epochen gibt es vieles, was damals neu war und für uns heute selbstverständlich ist. Wie das Stadtbild. Jetzt haben wir also das bekannte Stadtmodell mit der Ringstraße und dem inneren Bezirk, ein Kapitel-Highlight aus dem 19. Jahrhundert, also ein Muss. Das ist wunderbar, da kann man sich viel vorstellen, aber es ist ohne Menschen. Jetzt hab‘ ich das Problem: Wie bekomme ich die Menschen hinein? So ist die Idee des Ringstraßencorsos entstanden. Hier treten Figurinen - Männer, Frauen und Kinder - in der jeweiligen Mode von den 1860er bis zu den 1880er Jahren, auf. Sie stehen für die Ringstraßengesellschaft, für das damals sich neu etablierende Bürgertum. Einer von ihnen wird deutlich sichtbar eine Uhr tragen, die zeigen soll, wie wichtig es neuerdings war, dass man pünktlich im Büro erscheint. Für uns heute völlig normal, damals noch ganz ungewohnt. Überall in der Stadt wurden damals Uhren angebracht. Heute verschwinden die Uhren ja wieder und jeder sieht aufs Handy…

Und wenn ich dann mehr über diese auffällig in Szene gesetzte Uhr und den Menschen dazu erfahren möchte?

Natürlich gibt es Beschriftungen und es gibt bei diesem Ringstraßencorso eine Hörstation, in der beschrieben wird, wie sich die Menschen auf der Ringstraße bewegt haben. Alles soll nicht belehrend sein, sondern man soll sich in die Zeit hineinversetzen können. Dass man die Stadt von heute auch mit den Augen von damals sieht. Es soll eine emotionale Erfahrung werden.

Ihr fangt 1859 an und hört 1914 auf. Wie macht Ihr das mit den Übergängen zu den anderen Kapiteln?

Die BesucherInnen sollen schon merken, dass eine neue Epoche beginnt, also ein Bruch stattgefunden hat. Der Übergang in die Ringstraßenzeit ist schwieriger als der Übergang ins 20. Jahrhundert, denn da ist ein Stockwerk dazwischen. Beim Eingang in die Ringstraßenzeit haben wir es so gelöst, dass davor die riesige Barrikadeninstallation der 1848er Revolution steht. Dann kommt ein relativ schmaler Durchgang, in dem die Porträts von Franz Josef und Elisabeth hängen. Mit dem streng blickenden jungen, reaktionären Kaiser im goldenen Rahmen werden die Leute wahrnehmen, dass nun eine sehr restaurative Phase beginnt. Die Revolution wurde niedergeschlagen. Elisabeth schaut von ihm weg. Damit thematisieren wir das neue Kaiserpaar, aber auch die Unruhe in der Familie und in dem ganzen Staatsgefüge. Wir hoffen, dass alle Elisabeth erkennen. Da Bild stammt noch aus ihren frühen Jahren, wo sie nicht die allgemein bekannte, aber für diese Zeit falsche Frisur aus den Sisi-Filmen hatte.

Habt Ihr auch Objekte in der Halle?

Die Luegerkutsche oder richtiger Bürgermeisterkutsche. Sie steht für die Zeit Wien um 1900, für die Repräsentation der Bürgermeister in der Stadt. Für den frühen Wahlkampf. Nicht speziell für die Luegerzeit, die ein rein politisches Kapitel, wo es sehr viel um Populismus und Politinszenierung geht, geworden ist. Überhaupt geht es in unseren Kapiteln viel um Politik, um Haltungen. Damals und heute.

Hast Du ein Lieblingsobjekt?

Ja, ein Gemälde, das ich seit jeher besonders mag. Es heißt „Herr und Dame in einem Salon“. Ist von Anton Romako, einem eher unbekannten Zeitgenossen von Hans Makart. Es ist das zentrale Gemälde im Kapitel Ringstraßenepoche. Wir möchten nicht zuletzt darauf hinweisen, dass das eine Zeit war, die sich bereits überlebt hatte. Man baute Palais im Renaissancestil, während die zeitgenössischen Wissenschaftler und Forscher schon über Flugzeuge nachdachten. Frauen trugen Kleider wie aus dem 18. Jahrhundert, mit denen sie sich kaum bewegen oder sitzen konnten. Gleichzeitig geht es aber um die „unbegrenzte Großstadt“ von Otto Wagner. Eine Zeit voller Brüche. Wenn man sich das Gemälde anschaut hat man das Gefühl, als kippe das Ehepaar aus dem Bild. Es hat fast schon was Expressionistisches.

Was macht ihr gerade, jetzt im Herbst 2020?

Es stehen die Objekte größtenteils fest, das Konzept, die Fragestellungen. Jetzt geht es darum, alles in die Detailplanung und -ausarbeitung der Räume zu übertragen. Es sollen nicht mehr viele Objekte geändert werden. Dann arbeiten wir auch sehr viel an den Sonderformaten. Wie das inklusive Museum. Also, was können Menschen, die nicht gut sehen oder hören, aus der Ausstellung mitnehmen. Wie können wir zumindest immer zwei Sinne ansprechen. Im Grunde alles, was Besucherbetreuung betrifft, was über die eigentliche Ausstellung hinausgeht. Und sich mit anderen Abteilungen im Haus, wie der Vermittlung, vernetzt.

Wie geht es Euch mit dem Thema Dauerausstellung? Also, dass alles, was ihr jetzt denkt, dann eine ganze Weile halten sollte?

Dauerausstellungen sind immer eine Riesenherausforderung. Viele KuratorInnen machen ihre ganzen Leben lang nie eine. Gleichzeigt finde ich es aber richtig super. Endlich kannst Du was gestalten, was auch wirklich lange zu sehen sein wird. Die ur-viele Arbeit lohnt sich ein wenig mehr. Auch dass es viele Leute sehen, die dann sagen, das ist gut, das schlecht gelungen. Man kann länger einen Diskurs führen. Und eine Dauerausstellung ist ja nicht in Stein gemeißelt. Wenn wir dann sehen, da funktioniert etwas gar nicht, wird es Möglichkeiten geben, das zu adaptieren.

Was machst Du neben der Planung der Kapitel 8 und 9 der neuen Dauerausstellung?

Da beschäftigen mich momentan wieder viele Fernsehanfragen. Im Moment hab‘ ich Anfragen zur Ringstraße, zur Kindheit der Kaiserin Elisabeth, über die „Josefine Mutzenbacher“... Das wird jedes Jahr mehr. Und ich kümmere mich um die Hermesvilla, für die ich mir eine neue Dauerausstellung wünschen würde. Im Erdgeschoß schwebt mir eine Sonderausstellung über Mode vor. Wir haben so eine fantastische Modesammlung. Es soll eine zweite Auflage meines Wienführers „Verborgenes Wien“ erscheinen und im Molden Verlag, in dem auch mein Buch über Hedy Lamarr erschienen ist, kommt im Frühjahr 2021 ein neues Buch über eine, wie ich glaube, sehr spannende Frau. Langweilig wird mir eher nicht.

 


Die Vorarlbergerin Michaela Lindinger studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft, Ur- und Frühgeschichte sowie Ägyptologie an der Universität Wien. Nach 1990 mehrere Jahre Tutorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Seit 1986 Tätigkeit als Vermittlerin in Ausstellungen und später in Museen, u.a. bei den Oberösterreichischen Landesausstellungen, im Oberösterreichischen Landesmuseum, im Belvedere und im Kunsthistorischen Museum. Seit 1995 kuratorische Assistentin, seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Ihre letzten Ausstellungen waren  „Sex in Wien“ im KuratorInnenteam und „Ganz Wien, eine Pop-Tour“ zusammen mit Thomas Mießgang. Zahlreiche Publikationen zu biografischen und gesellschaftlichen Themen, Frauen- und Gender-Geschichte, Porträts, Wien-Geschichte, Tod und Memoria, Mode. Zuletzt veröffentlichte sie Bücher über Hedy Lamarr und verschiedene Aspekte von „Wien um 1900“. Michaela Lindinger ist die betreuende Kuratorin der Hermesvilla. Für Wien Museum Neu ist sie mit Regina Karner die Verantwortliche für die Kapitel 8 und 9, die Ringstraßenzeit (1859 – 1890) und Wien um 1900 (1890 - 1914).