Irina Koerdt und Sanja Utech, Gestalterinnnen

Juli 2022

 

Ihr seid das Büro koerdtutech. Seit 2011 arbeitet Ihr im Doppel, wie kam es dazu?

Sanja: Wir leben seit 2008 in Wien und haben auch vorher schon gemeinsame Projekte gemacht. Kleine Ausstellungen wie die „Wohnmodelle“ mit Michael Rieper für MVD zum Beispiel. Und die kleinen Projekte wurden immer mehr und immer größer.

Irina: Unsere erste gemeinsame große Ausstellung war „Sex in Wien“ im Wien Museum. Eigentlich war sie die Initialzündung, damit sind wir in die Selbständigkeit gegangen.

 

Ihr habt beide Architektur in Berlin studiert. Wie kommt man damit zur Ausstellungsgestaltung?

S: Irina hat an der Künstlerischen, ich an der Technischen Hochschule studiert. Ich hatte eigentlich Städtebau im Fokus, bekam dann aber ein Jobangebot von einem Büro, das Ausstellungsarchitektur gemacht hat.  Das hat mir gut gefallen. Ich mochte die Maßstäblichkeit total gerne und dieses schnelle Umsetzen. Das Schnelle hast du ja im Städtebau eher selten.

I: Es gibt heute immer mehr Studiengänge mit dem Thema Szenografie. Zu unserer Zeit gab es die aber noch nicht, und ich wäre da wohl gar nicht so reingekippt, wenn das nicht Sanjas Thema gewesen wäre. Vorher hab‘ ich vorwiegend Wettbewerbe gezeichnet. Vielleicht ergänzen wir uns da gut, mir liegt das Entwurfliche etwas mehr als auf der Baustelle zu sein.

Ihr arbeitet auch für die Schallaburg, Schloss Pöggstall, die Landesausstellung Niederösterreich, das Volkskundemuseum Wien oder das Graz Museum – kann man sagen, Ihr habt Euch auf historische Ausstellungen spezialisiert?

S: Naja, das liegt einfach daran, dass es hier Angebote gibt. In einer reinen Kunstausstellung ist die Ausstellungsarchitektur eher marginal. Mit Ausnahmen: Für das Lenbachhaus in München machen wir gerade eine Kunstausstellung.

I: Die kulturhistorischen Museen haben ein starkes Bewusstsein für Gestaltung. Hier ist die Aufgabe, die Objekte in einen szenografischen Raum, sozusagen in einen Kosmos zu setzen. Manchmal gibt es dieses Bewusstsein aber auch in Kunstmuseen, zum Beispiel im MUMOK. Hier wird auch Kunst in Bezüge gesetzt und bekommt ein gestaltetes Umfeld. Das ist eher selten.

Braucht Ihr für Eure Arbeit kulturhistorisches Wissen?

S: Sagen wir so, wir bekommen viel kulturhistorisches Wissen durch die Arbeit. Das ist ja das Schöne an unserem Beruf. Meine erste Ausstellung war eine archäologische. Es ist extrem spannend, was die Kurator:innen erzählen. Und nicht alles lässt sich über die Objekte ausdrücken. Dann kommen die Texte dazu, und dann kommt die Gestaltung ins Spiel.

Müsst Ihr Euch nicht auch den Blick von außen bewahren, denn den hat der Besucher oder die Besucherin ja auch. Und im Endeffekt gestaltet Ihr ja für ihn oder sie.

S: Es entsteht ein Art Netzwerk zwischen den Exponaten, Geschichten und den eigenen räumlichen Vorstellungen…

I: … und es geht immer darum, die Geschichten hinter den Objekten rüberzubringen, eine Art illustrative Ebene zu finden. Das kuratorische Konzept mit den Objekten niederschwellig zu vermitteln.

Für das Wien Museum habt Ihr zuletzt „Auf Linie“ und „Richard Neutra“ gestaltet. Bei letzterem fand ich den gestalteten Boden so stark, der hat den Raum ganz verändert.

S: Was ich beim Wien Museum sehr schätze, ist, dass man sehr frei arbeiten, viel ausprobieren kann. Beim „Neutra“ hatten wir das Glück, dass wir den Bodenbelag vom „Roten Wien“ verwenden konnten. Die Wiederverwendung von Ausstellungsmaterialien finden wir überhaupt ein ganz wichtiges Thema. Die Ausstellungsgestaltung muss viel nachhaltiger werden. Nach einer Ausstellung wird oft alles weggeworfen. Wir versuchen immer, Teile für andere Ausstellungen und überhaupt wiederzuverwenden. Der „Neutra“-Boden wurde zum Beispiel für Möbel verwendet. Oder ein Teil der Stellwände von „Auf Linie“ wurde zu Pflanzentrögen vor unserem Büro.

I: Da sind wir wirklich stolz. Von dieser Ausstellung wurde wirklich fast alles wiederverwendet. Beziehungsweise haben wir Materialien wie die Tische von früheren Ausstellungen genommen. Als Architektin darf man nicht zu schamhaft sein. Viele wollen nicht etwas weiterbenutzen, was andere gedacht haben. Die Blumentröge kommen übrigens super an: Immer kommen Leute vorbei und fragen uns, wie wir das gemacht haben.

Bei der neuen Dauerausstellung für das Wien Museum wird so schnell nichts weggeschmissen werden. Hier geht’s ja eher darum, dass alles sehr lange hält. Wie ist Eure Aufteilung mit Robert Rüf, dem zweiten Gestalterpart? Und dann gibt es ja noch Clarissa Cerny, die die Grafik macht.

I: Zum einen ist ja viel da vom Gestalterteam chezweitz, die das Grundkonzept entworfen haben. Vor allem in den ersten Kapiteln. Hier haben wir, wo wir es für nötig hielten, nachgeschärft, zum Teil auch umgedacht.  Nach „Wien 1900“ ist überhaupt viel Neues dazugekommen. Wir haben uns auch stark mit der Zweiten Osmanischen Belagerung oder dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Robert mit Wien nach dem Zweiten Weltkrieg.

S: Also wir haben am Anfang alles gemeinsam mit Robert durchgedacht, auch mit Larissa, die immer sehr stark räumlich denkt. Aber dann schon die Kapitel aufgeteilt. Das wäre von den Ressourcen her auch nicht anders gegangen.

Wie sieht die zweite Osmanische Belagerung heute aus?

I: Wie ein reingedrehtes T, mit den Highlightobjekten, dem osmanischen Plan zur Belagerung Wiens und dem Geffels-Gemälde „Die Entsatzschlacht Wiens 1683“ und einer großen Vitrine mit Zeughausobjekten und, man kann sagen, den Beuteobjekten aus der Zeit. Es endet mit einer Kinoatmosphäre, wo ein Film zur Rezeptionsgeschichte, zur Fremdenpolitik in Wien, zu Klischees im Umgang mit anderen Kulturen zu sehen sein wird. Überhaupt ist den Kurator:innen der museale Blick ganz wichtig, wie ein Museum mit so einer Zeitgeschichte umgeht, die Kontextualisierung.

S: Das tolle an einer Dauerausstellung ist, dass so gut wie alle Objekte aus der eigenen Sammlung kommen. Man kann sich die Originale im Depot genau anschauen. Es gibt Stellproben, wo diese bereits einbezogen sind.

Und der Nationalsozialismus?

I: Im Kapitel zum Nationalsozialismus arbeiten wir mit gläsernen Vitrinen, die fragmentarisch übereinandergestapelt sind. Ähnlich wie bei „Auf Linie“ geht es darum, die Objekte nicht „hübsch“ auszustellen sondern sie in einer Depotsituation zu zeigen. Eine Nüchternheit zu erzeugen.

S: Auch mit Grafiken wie der zur „Befreiung von der Ostmark“, auf der gezeigt wird, wie die jüdische Bevölkerung vertrieben und deportiert werden soll. In der Vitrine liegt ein „Ariernachweis“ neben dem „Judenstern“. Mit dem einen konnte man leben, mit dem anderen wurde man verfolgt. Die Vitrine ist wie ein Zahnrad der nationalsozialistischen Maschinerie aufgebaut, die immer zum schrecklichen Ende führt.

Die Dauerausstellung geht über drei Stockwerke, hat 13 Zeitkapitel, ein Intro und Outro, „Stadtfenster“ und „Generationenformate“ und und und. Wie behält man da den Überblick?

I: Wir lernen gerade sehr viel..

S: Ich bin ja nicht direkt bei den Kapiteln dabei, sondern die Schnittstelle zu den Hausarchitekt:innen. Dadurch habe ich mehr Distanz und mehr Überblick über alle Kapitel. Im Grunde sind das ja 13 Sonderausstellungen, die dann doch ein großes Ganzes ergeben sollen. Und das macht es dann doch weit komplizierter als 13 Sonderausstellungen. Sobald sich in einem Kapitel etwas ändert, hat das auch Auswirkungen auf die anderen. Man ist ständig in einer Korrekturschleife, und das mit sehr vielen verschiedenen Menschen, mit sehr vielen verschiedenen Auffassungen und Wünschen. Die Dauerausstellung dauert halt …

I: Das ist aber auch das Schöne an dem Job. Nicht nur die unterschiedlichen Geschichten, sondern auch das gemeinsame Ringen um etwas, die Zusammenarbeit mit vielen Menschen.

Wo steht Ihr gerade?

S: Wir sind in der Ausschreibungsphase, das bedeutet jeden Tisch, jede Vitrine, jedes Möbel, alles genaustens beschreiben, nach Gewerken aufteilen. Hier dürfen wir nichts vergessen, müssen auch definieren, was auszuschließen ist, alle konservatorischen Bedingungen sind zu erfassen, welches Material, welche Beschichtung und und und…

Wie geht es weiter?

S: Wir schreiben jetzt für drei Gewerke, Vitrinenbau, Tischler und Schlosser, und Fassadenbau, aus. Haben dann ein Verhandlungsverfahren, das heißt, wir können dann nachverhandeln, gemeinsam Lösungen suchen, falls es zum Beispiel Schwierigkeiten mit einem Material gibt und ein anderes gesucht werden muss. Die Materialfrage ist ja gerade sehr brisant.

I: Dann werden die Firmen festgelegt, und im Herbst beginnt die Werk- und Montageplanung, und dann wird gebaut. Das ist dann auch wieder eine spannende Phase. Dann entsteht wieder etwas.

Wann ist denn Eure Arbeit beendet?

S: Erst nach der Eröffnung. Wir kontrollieren ja auch noch alle Abrechnungen…

Wie geht’s Euch als Architektinnen mit dem Entwurf von Certov, Winkler + Ruck, mit dem Umbau?

I: Was ich ganz toll finde, ist, dass hier eine ganz eigene Architektur für Wien entstanden ist. Ich mochte damals von Querkraft diese Kuben, die sie draufgesetzt haben. Das war wild. Auch der Kubus jetzt, das neue Obergeschoß, ist ein Statement. Für die Stadt und den Ort und letztendlich das Haus. Das mag ich.   

Ende 2023 soll das Wien Museum mit der neuen Dauerausstellung eröffnet werden. Wie wünscht Ihr Euch, sollen die Besucher:innen diese erleben?

S: Dass sie Lust bekommen, alles anzuschauen, Neues zu entdecken. Und dass sie die Chance haben, zwei oder dreimal zu kommen, denn für einen Besuch ist es viel zu viel.

I: Und dass wir nach einer Zeit evaluieren können, ob alles aufgegangen ist, ob die Besucher:innen haben, was sie brauchen. Und gegebenenfalls nachbessern können.

 


Sanja Utech, geboren 1975 in Rostock. Irina Koerdt, geboren 1979 in Herdecke/Dortmund. Beide studierten Architektur in Berlin und kamen im Anschluss nach Wien, wo sie bei verschiedenen Architekturbüros (BWM Architekten, Querkraft, Caramel, MVD und StudioVlayStreeruwitz) arbeiteten, bis sie sich 2011 mit „koerdtutech“ für Ausstellungsgestaltung selbständig gemacht haben.  koerdtutech haben unter anderem Ausstellungen für die Schallaburg, Schloss Pöggstall, die Landesausstellung Niederösterreich, das Volkskundemuseum Wien oder das Graz Museum gestaltet. Für das Wien Museum zuletzt „Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien“, „Richard Neutra. Wohnhäuser für Kalifornien“ und „Sex in Wien“. Gemeinsam mit Arthur Flexer, Alexander Martos und Niko Wahl waren sie Teil des künstlerisch-wissenschaftlichen FWF-Forschungsprojekts „Dust and Data. The Art of Curation in the Age of Artificial Intelligence“.

Irina Koerdt unterrichtet außerdem an der TU Wien im Fachbereich Raumgestaltung und Entwerfen.

Für Wien Museum Neu gestalten sie gemeinsam mit Robert Rüf und Larissa Cerny (Grafik) die neue Dauerausstellung, die die Geschichte der Stadt in 13 Kapiteln erzählt.